Blindheit:

Das Sehen ist der bedeutsamste Sinn, über den wir verfügen. Mit keinem anderen Sinnesorgan können wir annähernd so viel Information in so kurzer Zeit aufnehmen. Man schätzt das 70% aller für den Menschen wichtigen Informationen durch das Sehsystem (damit fasst man alles was für das Sehen notwendig ist zusammen: Auge, Sehnerv, Sehzentrum im Gehirn etc.) aufgenommen werden. Insbesondere in der heutigen visuell ausgerichteten Gesellschaft ist die Bedeutung eher noch höher anzusetzen. Um so dramatischer ist es, wenn das Sehvermögen eingeschränkt ist (Sehbehinderung/Sehschwäche) oder gar ausfällt und Blindheit auftritt.

Was ist Blindheit (Definitionen)?

Absolute Blindheit bedeutet, es ist alles dunkel um einen herum, man erkennt nicht ob Tag oder Nacht ist. Zu unterscheiden hiervon sind verschiedene Definitionen von Blindheit, die rechtliche oder soziale Bedeutung haben: Blindheit im Sinne des Gesetzes, ist eine der absoluten Blindheit gleichzusetztende Einschränkung des Sehens, die die Orientierung in fremder Umgebung stark erschwert bis unmöglich macht. In Zahlen heißt dies, man sieht auf dem besseren Auge weniger als 1/50 (Eine Zahl, die ein Gesunder auf 50m lesen kann, kann der Betroffene nicht mal auf 1m Entfernung lesen). Dies entspräche (mathematisch nicht ganz korrekt) einem Sehvermögen von unter 2% eines Normalsehenden (wird auch in Tabellen als Visus 0,02 bezeichnet, s.u. Sehschärfe). Liegen starke Gesichtsfeldausfälle vor, kann trotz besserem Sehvermögen aufgrund der Orientierungsschwierigkeiten auch Blindheit im Sinne des Gesetzes bestehen. Aus solch ausgeprägten Einschränkungen resultiert in Deutschland der Anspruch auf Blindengeld, eine aus sozialen Gründen monatlich zu erhaltende Summe als Hilfe im Alltag. Sie ist jedoch eine freiwillige Leistung des jeweiligen Bundeslandes, in dem der Blinde wohnt und sehr unterschiedlich. Anmerkung: In einigen Bundesländern ist das Blindengeld 2004 im Rahmen allgemeiner Sparmaßnahmen gestrichen oder deutlich reduziert worden. Es wird jetzt teilweise nur noch als Blindenhilfe nach dem Bundessozialhilfegesetz gewährt. Den aktuellen Stand in den verschiedenen Bundesländern erfährt man unter http://blindengeld.dbsv.org.

Blindheit

Blindheit symbolisch

Sozialrechtlich davon zu unterscheiden ist die Sehbehinderung, ein Sehvermögen von unter 30% aber eben nicht Blindheit, d.h. mehr als 2 bzw. 5%, je nach Definition. Bei Blindheit besteht weiterhin der Anspruch auf Ausstellung eines Schwerbehindertenausweises.

Die Definitionen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheiden hier 5 Stufen der Sehbeeinträchtigung (siehe auf der folgenden Seite). Blindheit beginnt nach der WHO bei einem Sehvermögen von 5% und weniger.

Was bedeutet Blindheit für den Betroffenen ?

Als gut Sehender kann man dies gar nicht ermessen, wenn man nicht mal versucht hat 3 Tage in Folge so zu tun als sei man blind. Morgens nach dem Aufstehen zu wissen: Wenn ich nicht gestern ordentlich meine Hausschuhe neben das Bett gestellt habe, drei Hand breit rechts vom Nachtisch entfernt, werde ich sie suchen müssen. Wenn ich nicht den Platz des Hundekörbchens kontrolliere, werde ich darüber stolpern. Wenn ich nicht jemanden bitte, mir ein Frühstück zu bereiten, werde ich langsam im Kühlschrank die richtigen Behältnisse ertasten müsssen. Jeder Schritt in unbekannter Umgebung wird zu einem Abenteuer.

Zur Hilfe werden hier Orientierungs- und Mobilitätsschulungen angeboten, in denen ein ausgebildeter Trainer die Orientierungsfähigkeit schult, Hilfestellung gibt und in dem Gebrauch des Blindenlangstocks (der berühmte “weiße Stock”, s. Bild unten) einführt. Es gibt auch einen Laserlangstock, der auch Hindernisse im Kopf- oder Brustbereich erfasst und so Unfälle verhindert, die mit dem herkömmlichen Blindenlangstock passieren können. Er kann auch im Rahmen der Hilfsmittelversorgung verordnet werden.

Blindenlangstock

Der Blindenlangstock

Allerdings erst die gemeinsame Versorgung mit Blindenlangstock und Blindenhund ermöglicht blinden Menschen eine von fremder Begleitung unabhängige Orientierung, Mobilität und Verkehrssicherheit. Ein Blindenführhund (s.a. unter www.deutsche-blindenfuehrhunde.info/) kostet jedoch ausgebildet mit Grundausstattung und Einweisung 20-40.000 Euro. Ist der Blinde in der Lage ihn selbst zu versorgen, kann aufzeigen, daß er dadurch deutlich an Mobilität gewinnt und möchte auch einen solchen Hund (man muß schon mit Hunden umgehen können und sie mögen !), kann er bei der Krankenkasse beantragt werden und werden die Kosten übernommen.

In Förderzentren haben blinde und sehbehinderte Schüler die Möglichkeit, in allen Belangen unterrichtet zu werden, die im gemeinsamen Unterricht mit Nichtbehinderten nicht vermittelt werden können. In Deutschland gibt es 4 Lehrstühle, die Pädagogik für Sehbehinderte und Blinde anbieten.

Blinde sind schließlich nicht wie in Spielfilmen dargestellt, die verschrobenen misstrauischen Einzelgänger. Das gilt eher für Taube, die in ihrer Kommunikation gestört sind aber gut allein zurecht kommen und niemanden bitten müssen ihnen eine Dose zu öffnen. Für sie funktioniert das tägliche Leben auch ohne fremde Hilfe. Blinde aber müssen von Anfang an ein Netzwerk aufbauen, sie brauchen Kommunikation, um sich zu orientieren, das macht sie äußerst kontaktfreudig. Wenn Blinde engagiert sind, degenerieren sie nicht durch den einen fehlenden Sinn, sondern kompensieren durch Leistungssteigerung der anderen vier Sinne ihre Behinderung. Blind Geborene z.B. besitzen nicht nur einen besseren Tastsinn, sondern auch ein besseres Wortgedächnis. Früher dienten Blinde als wandelnde “Datenspeicher”, z.B. für mündliche Überlieferungen von Bibelinterpretationen. Heute weiß man warum dies so ist. Das Gehirn von Blinden ist sozusagen “umprogrammiert”. Bestimmte Teile des Gehirns, die sonst der Verarbeitung von Bildinformationen dienen, werden von ihnen als Wortspeicher “zweckentfremdet”. Ein weiteres Beispiel für den Einsatz der besonderen Fähigkeiten der Blinden ist folgendes: Im Rahmen des Forschungsprojektes “Discovering Hands” werden blinde Frauen als “Medizinische Tastuntersucherin&#8221 (MTU); geschult. Aufgrund Ihres hochtrainierten Tastsinns können sie bei der Brustkrebsvorsorge kleinere Knoten deutlich früher erkennen als ein Sehender und die Untersuchung ist den Frauen angenehmer. Teilweise werden 2mm-Verdichtungen in 1,5cm Tiefe erfühlt (s.a. www.discovering-hands.de). Eine solche Tastuntersuchung dauert mindestens 30 Minuten, die Kosten von 46,50 Euro übernehmen inzwischen 26 Krankenkassen bundesweit. Die Effektivität der Methode wurde jetzt in einer Studie bei insgesamt 395 Frauen untersucht und bestätigt.

Wie häufig ist Blindheit ?

Die Zahl der Sehbehinderten wird weltweit auf 285 Millionen Menschen geschätzt (laut der Organisation Vision 2020), davon 39 Millionen Erblindete. 90% der Erblindeten leben in den Entwicklungsländern. 80% der Erblindungen gelten als vermeidbar. Der Grund ist die nicht ausreichende ärztliche und medikamentöse Versorgung in den Entwicklungsländern. Ein Beispiel das die medizinische Versorgung illustrieren soll. In Deutschland kommt auf 13.000 Einwohner ein Augenarzt. In Afrika auf 1 Million Einwohner ein Augenarzt. Auf unsere Verhältnisse übertragen würde dies bedeuten, daß nur 80 Augenärzte in Deutschland praktizieren würden. In Deutschland haben wir 1,2 Millionen Sehbehinderte (Sehvermögen maximal 30%) und davon 160.000 Blinde. Der Anteil blinder und sehbehinderter Schüler in Deutschland wird auf 14.000, d.h. 0,2% aller Schüler geschätzt.

Was sind die Ursachen von Blindheit ?

Weltweit betrachtet sind unbehandelte graue Stare und durch Brillen korrigierbare Sehfehlerdie Ursache von 110 Millionen Fällen von Blindheit und Sehbehinderung, wobei der Graue Star die häufigste zur Erblindung führende Erkrankung ist. Eine Tatsache, die in Deutschland aufgrund der guten Versorgung gar keine Bedeutung hat. Gefolgt werden sie von unterernährungsbedingtem Vitamin-A-Mangel und infektionsbedingten Krankheiten wie Trachom und Onchozerkose (Flussblindheit). Die letzteren werden durch Insekten übertragen und wären preiswert medikamentös behandelbar (nähere Informationen unter Christoffel-Blindenmission).

All diese Krankheiten spielen in den westlichen Industrieländern und insbesondere Deutschland wohlstandsbedingt (operative und medikamentöse Versorgung) nur eine untergeordnete Rolle. Hier sind die Makulopathie (50%), das Glaukom (18%), und der Diabetes (17%) als Ursache führend. Vor allem die letzteren beiden wären durch Vorbeugung in ihrer Häufigkeit deutlich reduzierbar. Weitere häufigere Gründe sind der graue Star (5%), Hornhauttrübungen (3%) und absterbende Sehnerven (Optikusatrophie). Jeder 3. Erblindung in Deutschland wäre zu verhindern !

Keine echte Blindheit, sondern ein vorübergehend fehlendes Sehen durch einen schmerzbedingten Lidkrampf entsteht durch die Verblitzung (Schweißbrand) den “Sonnenbrand” der Hornhaut ( Schneeblindheit) oder auch eine Hornhautverletzung (Erosio cornae). Details siehe unter Druckschmerzen am Auge). Auch die Amaurosis fugax ist eine vorübergehende Blindheit.

Ein geschichtlich interessanter Zusammenhang sind die Augenklappen bei Sehmännern und Piraten in früheren Zeiten. Diese Augenklappe ist kein dekoratives Untensil oder weil es sich optisch auf den Bildern so rustikal macht, sonder war in der Realität häufig. Sehr viele Navigatoren waren auf einem Auge blind, da sie täglich längere Zeit mit dem sog. Jakobsstab mit einem Auge in die Sonne peilen mußten, um den Breiten- grad zu ermitteln, auf dem man sich gerade befand. Durch das Sehen in die Sonne, treten Verbrennungen der Netzhaut auf (s.a. Bedeutung des Lichtes). Erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts fand der Sextant Verbreitung, der das Problem löste.

Wie helfen sich Blinde im Alltag ?

Neben dem bekannen Blindenhund (Ausbildung sehr teuer, ist ein zu beantragendes “Hilfsmittel”), gibt es Taststöcke (Blindenlangstock) zur Orientierung. Sie sind DAS Hilfsmittel schlechthin für den Blinden. Die Verwendung von beidem muß erst mit Hilfe von Lehrern (Mobilitäts- und Orientierungstrainer) geübt werden. Die bekannte Blindenschrift wird benutzt, um die Schrift in speziellen Büchern oder besonderen Ausgabegeräten für den PC mit den Fingern ertasten zu können. Hörbüchereien oder “sprechende” Geräte wie spezielle Uhren nutzen den Hörsinn als Alternative. Weitere Informationen unter den Links und unter Blindenschrift. Immer leistungsfähiger wird eine “App” für das Smartphone namens “Blind Square”. Sie ist GPS gesteuert, auf 20m genau und sagt einem über das Smartphone genau “wo es lang geht”. Weitere Funktionen sind Farberkennung, Fahrpläne aufrufen, das Einscannen und Lesen von Speisekarten, sowie Geldscheine und Gegenstände erkennen. Bei letzterem photographiert man den Gegenstand mit dem Smartphone und nach kurzer Zeit kommt eine beschreibende Sprachausgabe aus dem Smartphone. Z.B. “Trinkglas mit brauner Flüssigkeit”, was dann z.B. Cola sein könnte. Generell ist die Vorlesefunktion und die Spracheingabe mit modernen Smartphones eine große Hilfe für Blinde im Alltag. Es existieren inzwischen Hunderte “Apps” für Blinde. Im Teststadium ist derzeit eine sensorische Jacke mit 360-Grad-Ultraschallentfernungssensoren, die einem Blinden oder stark Sehbehinderten mittels in der Jacke verteilten Vibrationsmotoren ein Gefühl von Hindernissen in seiner Umgebung gibt. In großen Menschenmengen versagt es jedoch, da dann die ganze Jacker vibriert. Entwickelt wurde sie unter Frau Prof. Lampe von der TU München.

Was bedeutet Barrierefreiheit ?

Damit auch Menschen mit Behinderungen bequem Urlaub machen können oder Angebote im Internet nutzen können, müssen diese Angebote auf die Belange von Behinderten abgestimmt - sprich barrierefrei -sein.

Im Internet muß ein bestimmter Aufbau der Seiten das Vorlesen durch den Computer oder das Umsetzen in Brailleschriftzeichen bzw. auf mechanisch aktivenBraillezeilen ermöglichen. Vergleiche hierzu auch die Bemerkungen hierzu auf einem kommerziellen Programm zur barrierefreien Homepageerstellung.

Im Urlaub oder öffentlichen Gebäuden müssen bauliche Veränderungen vorgenommen werden, um dem Körperbehinderten (z.B. Rampen bei Rollstuhlfahrern) ein problemloses Nutzen der Räumlichkeiten zu ermöglichen. Der Gastronomie- Fachverband (DEHOGA) hat für seine Mitglieder verbindliche Piktogramme (kleine Symbole) entwickelt, die gleich zeigen ob ein Hotel für Behinderungen dieser Art geeignet ist. Das Symbol für Sehbehinderte sehen Sie unten.

Piktogramm Barrierefreiheitfür Blinde

Ein anderes Beispiel für Barrierefreiheit ist die Darstellung von Arzneimittelinformationen - der Beipackzettel - im Internet unter www.patienten-infoservice.de. Hier sind 4 Formate verfügbar: Vorlesefunktion, Inversdarstellung und Großdruck-PDF speziell für Sehbehinderte, sowie als navigierbares Hörbuch im DAISY-Format für Blinde.

Seit kurzem löst eine Funktion des iPhones Begeisterung unter Blinden aus: Sie heißt VoiceOver. Geht man mit dem Finger über eine App z.B. auf dem Bildschirm, “sagt” das iPhone den Namen dieser App oder Funktion und ein zweiter Fingertip löst sie aus. So gelingt das Navigieren durch die Menüs. Der Blinde kann in unklaren Situationen auch ein Photo machen und dieses an jemanden schicken, der ihm dann telefonisch Tips zur praktischen Bewältigung der Situation (z.B. unklares Hindernis) gibt.

Gibt es eine Schutzpatronin der Blinden ?

Oh ja, weiteres finden Sie auf der Seite über die Heilige Ottilie.

Informationen im Internet:

Vision 2020: Internationale Kampagne zur Bekämpfung der Blindheit (http://vision2020deutschland.de/) oder die ausführlichere englische Seite: http://www.iapb.org/vision-2020/what-is-avoidable-blindness

Aktuelle Zahlen aus Deutschland vom Berufsverband der Augenärzte:

http://cms.augeninfo.de/nc/hauptmenu/presse/statistiken/statistik-blindheit.html

(Stand 06.05.2019)