Volksweisheiten zum Auge:

Sogenannte “Volksweisheiten” haben meist als Kern eine Beobachtung aus dem Alltag, die dann von Generation zu Generation weitergegeben wird, ohne das vielen noch der eigentliche Zusammenhang bewußt ist. Deswegen wird das Ganze dann gelegentlich auf die falschen Zusammenhänge angewendet. So wird schließlich manches als Ammenmärchen abgetan bei dem sich später doch ein wahrer Kern herausstellt.

An dem Spruch: “Kind lies nicht unter der Decke, du verdirbst dir die Augen” (jahrelang abgetan von den Augenärzten, weil nicht erklärbar), könnte doch was dran sein. Zumindest aufgrund von neueren Tierversuchen ist man zu dem Schluß gekommen, das viel Lesen/Handyschauen mit geringem Sehabstand und dazu noch bei schlechter Beleuchtung bei Kindern die Entwicklung der Kurzsichtigkeit fördert.

Das Auge im Fokus

Beim Erwachsenen (auf jeden Fall jenseits des 30. Lebensjahres) schadet viel Lesen nicht. Ausser “müden” und trockenen Augen nach langem Lesen bzw. abendlicher vorübergehender leichter Kurzsichtigkeit (das Auge kann nicht mehr “locker” lassen) passiert nichts und kann kein Schaden entstehen. Eine Ausnahme sind Patienten mit Engwinkelglaukom. Hier kann durch vorne übergebeugte Haltung und die weite Pupille bei schlechter Beleuchtung ein Glaukomanfall ausgelöst werden.

Was ist nun die Ursache ? Je dunkler es ist, desto weiter ist die Pupille und desto geringer der scharfe Bereich, den man mit dem Auge sehen kann. Jeder Photoamateur kennt das optisch-physikalische Phänomen: Je weiter die Blende, desto geringer die Tiefenschärfe. Dadurch muß das Auge sehr exakt scharfstellen, was bei heller Umgebung nicht notwendig ist. Leute mit leichtem Sehfehler kennen den Zusammenhang aus dem Alltag: Je heller desto weniger brauchen sie ihre Brille. Muß nun ein kindliches Auge immer in die Nähe scharf stellen (viel Lesen) und dazu noch ganz genau (bei schlechter Beleuchtung) paßt sich das Auge an diesen scheinbaren Sehfehler (normal guckt es nämlich ohne Anstrengung in die Weite) durch ein Längenwachstum an, daß zur Kurzsichtigkeit führt. Also je mehr und je früher gelesen wird und dazu noch bei schlechter Beleuchtung, desto eher wird das Auge kurzsichtig. Insofern hat der oben erwähnten Spruch mit dem “Lesen unter der Decke” durchaus seine Berechtigung. Das soll nun nicht heißen, daß Kinder nicht lesen sollen ! Aber mit Unterbrechungen in denen kein Nahsehen stattfindet (draussen spielen z.B.) und bei guter Beleuchtung !

Woher kommt nun der beliebte Spruch: “Sitz nicht so nah vor dem Fernseher”. Zum einen ist er sicher eine Abwandlung aller Sprüche die sich mit dem scheinbar schädlichen Nahsehen beschäftigen (s.o.), andererseits könnten auch andere Erfahrungen dahinter stecken. Der ständige Flimmerreiz kann durch die Unschärfe beim vor dem Fernseher sitzen nicht so gut unterdrückt werden, muß also im Gehirn hinausgefiltert werden. Dies führt bei sensiblen Menschen zu Kopfschmerzen und bei einer bestimmten Flimmerhäufigkeit sogar bei Epileptikern zu einem Anfall (typisch ist letzteres aber eher bei den Stroboskopblitzen in Diskos). Weiterhin kommt es durch das weit aufgerissene Auge (Fernseher steht ja meist höher wenn man direkt davor sitzt) zu Befeuchtungsstörungen der Augen, die dann plötzlich brennen und tränen. Die Beobachtung all dieser Folgen mögen zu diesem “Vorurteil” geführt haben. Wirklich “kaputt” gehen, tut so am Auge aber nichts ! Alltagstip: Nicht im abgedunkelten Raum Fernsehen aber auch keine blendenden sondern gleichmäßige Lichtquellen und nicht so “starren” (zu seltener Lidschlag), sondern gelegentlich mal wo anders hinschauen (wozu sind denn die “Reklamepausen” nicht so alles gut). Ein Hinweis noch zu den angeblich schädlichen Strahlen, die von der Bildröhre ausgehen. Heute gibt es hier sehr strenge Grenzwerte und selbst bei professionellen Kameraleuten (elektronische Kameras), die ständig einen kleinen “Monitor” direkt vor dem Auge (wenige Zentimeter) haben, konnen bisher nie Augenveränderungen nachgewiesen werden. Aufgrund der größeren Entfernung zum Fernseher als beim Lesen zum Buch kommt hier dei kurzsichtigkeitsfördernde Wirkung wie bei letzterem nicht zum Tragen. Siehe dazu auch das Erklärvideo von Dr. Wimmer im Internet.

“Schiele nie mit Absicht, die Augen könnten plötzlich stehen bleiben”. Unsinn, ist noch nie passiert. Das Neuauftreten von Schielen jenseits des Kinderalters, kann nur durch Nerven- oder Augenmuskelschäden (durch Tumore, Verletzungen oder Entzündungen) bzw. durch langfristiges Abdecken eines Auges entstehen.

Gerne hört man auch von Patienten die Bemerkung wenn es um die Operation des grauen Stars geht: “Da wird das Auge ja herausgenommen”, dann irgendwie überarbeitet und wieder eingesetzt. Wie die Leute darauf kommen weiß ich auch nicht. Als Operateur kann ich dazu nur sagen: Das Auge nimmt man nur einmal raus ! Nämlich dann wenn man ein Glasauge einsetzen muß weil das Auge zerstört ist. Aber intakt wieder einsetzen geht sicher nicht. Also keine Sorge, bei der Operation des grauen Stars wird das Auge nicht herausgenommen.

Die Augenklappe bei Bildern von Piraten und Seeleuten von früher ist nicht unbedingt immer auf eine Verletzung durch Splitter oder spitze Gegenstände in Kampfsituationen zurückzuführen gewesen. Tatsächlich waren sehr viele Navigatoren auf einem Auge blind, da sie täglich längere Zeit mit dem sog. Jakobsstab mit einem Auge in die Sonne peilen mußten, um den Breitengrad zu ermitteln, auf dem man sich gerade befand. Erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts fand der Sextant Verbreitung, der das Problem löste. Im Fall des Jakobsstabs lag also ein Beispiel für die Schädlichkeit des Lichts vor, siehe auch Bedeutung des Lichtes.

Ist die regelmäßige Verzehr von Karotten gut für die Augen ? Der Witzige würde sagen: “Klar, schon mal einen Hasen mit Brille gesehen ?” Ernsthaft beantwortet: Ja, es ist notwendig aber in unserer Gegend ausreichend in der Nahrung enthalten und muß nicht extra zugeführt werden. Hochdosierte Gaben können sogar schädlich sein, da es als fettlösliches Vitamin im Körper angereichert wird und nicht wie wasserlösliche Vitamine (z.B.Vitamin C) vom Körper bei Überschuss einfach mit dem Urin ausgeschieden werden kann. Ein Erklärvideo von Dr. Wimmer dazu im Internet. Nähereszu Vitamingaben bei Makulopathie siehe auch unter Vitamine.

(Stand 01.01.2018)